Der Kinobesuch der alten Dame

Es blieb nur ein Knopf

Der Kinobesuch der alten DameMartha erschrak, die Haustür fiel mit einem lauten Knall ins Schloss, sie zuckte kurz zusammen und blickte nun wieder auf die Stufen im Treppenhaus. Wie oft, war sie diese Stufen schon hochgegangen, manchmal beschwingt und voller freudiger Erwartung, manchmal aber auch mit müden Beinen. Nun stand sie da und es war ihr schwer im Herzen, es klopfte vor Aufregung und Angst, denn sie war noch nie alleine in der Wohnung gewesen. Martha schleppte sich langsam die Treppenstufen hinauf, sie blieb immer wieder stehen, in ihrem Kopf herrschte ein grosses Durcheinander. Die Gedanken schwirrten durch ihren Kopf, sie meinte ihren Herzschlag im Hirn zu spüren, so sehr pochte es an ihren Schläfen.

Sie schloss die Wohnungstür auf, öffnete sie vorsichtig und rief leise: «Hallo», obwohl sie wusste, dass keine Antwort kommen würde. Vorsichtig, wie eine Einbrecherin schloss sie die Tür hinter sich und ging auf Zehenspitzen durch den Flur. «Nehmen sie das kleine, blaue Holzkästchen aus der oberen Schublade im Sekretär an sich. Ich möchte nicht, dass es bei der Wohnungsräumung auf dem Müll landet», dies waren die Worte der alten Dame, die Martha die letzten Jahre betreut hat. Sie musste es ihr auf dem Totenbett versprechen. Martha ging ins Wohnzimmer, sie kannte den alten Sekretär, wie oft ist sie an ihm vorbeigelaufen und hat sich gefragt, welche Geheimnisse in ihm wohl verborgen sein mochten. Nun stand sie vor ihm und öffnete die obere Schublade, unter einem Haufen von Schleifenbändern und Geschenkpapier fand sie das blaue Kästchen. Es war abgegriffen und die blaue Farbe war nur noch schwach erkennbar. Sie nahm das Kästchen und hielt es sich wie einen wertvollen Schatz an die Brust, ihr Herz klopfte immer noch. Mit schnellen aber leisen Schritten verliess sie die Wohnung, sie rannte die Treppenstufen hinunter, öffnete die Haustür und stand auf der Strasse. Ein leichter Regenschauer und ein kühler Lufthauch berührten ihr Gesicht. Sie atmete tief durch und stiess einen Seufzer aus. Sie legte das blaue Kästchen in ihren Fahrradkorb und fuhr so schnell sie konnte nach Hause, immer die Angst im Nacken, dass sie jemand gesehen haben könnte.

Zuhause angekommen, stellte sie das blaue Kästchen auf den Küchentisch, zog sich trockene und bequeme Kleidung an, sie kochte sich einen heissen Tee und sass nun mit angezogenen Beinen auf dem Küchenstuhl. Vor ihr stand das blaue Kästchen, aus der Teetasse dampfte es und ihr Herz begann langsam wieder in einem normalen Takt zu schlagen. Gespannt schaute sie auf das Kästchen und wusste eigentlich nicht, was sie jetzt machen sollte. Sie entschied sich das Kästchen ersteimal stehen zu lassen und ging mit ihrer Teetasse ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher an, in der Hoffnung das Programm würde sie ablenken. Aber immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem blauen Gegenstand auf dem Küchentisch. Sie malte sich aus, was sie wohl in dem blauen Kästchen finden würde. Waren es Schmuckstücke oder Geld? Heute hatte sie nicht den Mut hineinzuschauen, sie beschloss ins Bett zugehen und am morgigen Tag würde sie dann entscheiden? Nach einer unruhigen Nacht, mit wirren Träumen von alten, sterbenden Damen und blauen Schachteln, erwachte sie sehr früh. Sofort fiel ihr das blaue Kästchen wieder ein, mit einem schweren Kopf und schmerzenden Gliedern reckte sie sich und ging in die Küche. Es war noch da, es stand immer noch am gleichen Ort, als ob es auf sie gewartet hätte. Sie öffnete den Kühlschrank nahm eine Flasche Wasser heraus, sie war durstig, sie machte sich nicht die Mühe ein Glas zu holen und sie setzte die Flasche an den Mund und trank. Das Wasser war angenehm kühl und erfrischend, sie spürte, wie es langsam ihre Speiseröhre hinunterlief. Jetzt oder nie, dachte sie und setzte sich an den Küchentisch, nahm das blaue Kästchen und öffnete es zügig, aus Angst ihr Mut könnte sie wieder verlassen. Sie blickte hinein und war enttäuscht. Ein Menge Fotos lagen darin, es waren scheinbar alte Fotos, leicht verblasst, einige abgriffen und zerknittert. Sie legte die Bilder auf den Küchentisch und entdeckte unter den Fotos auch noch einen alten Kinoeintritt, einen Knopf und kleines Heftchen. Martha dachte sich, was soll daran so wertvoll sein? Sie schlug das Heftchen auf und fing an zu lesen.

Eigentlich hatten mir meine Eltern verboten in die Abendvorstellung zu gehen, deshalb schlich ich leise aus der Wohnung und schloss die Wohnungstür leise und vorsichtig, nur ein leises Klicken war zu hören. Ich rannte auf die Strasse, an der Ecke bei der Linde wartete schon Lisa. Wir gingen schlendernd und schwatzend die Strassen entlang in Richtung Kino. Vor dem Kino war bereits eine lange Schlange, wir stellten uns hinten an und hofften, dass wir noch einen Platz bekommen würden. Wie immer waren es hauptsächlich Liebespaare, die engumschlungen oder händchenhaltend warteten, die meisten deutlich älter als Lisa und ich. Als wir dann endlich am Kassenhäuschen angekommen waren, kramte ich in meiner Tasche, um das Eintrittsgeld rauszuholen. Ich war sehr nervös, mein erster Kinobesuch und dann heimlich, ich wusste immer noch nicht, wie ich wieder ungesehen in die Wohnung komme, aber das war mir in diesem Moment egal. Vor lauter Aufregung fielen dann meine Münzen auf den Boden, ich bückte mich und wollte sie aufsammeln. Als ich wieder hochkam prallte ich mit ihm zusammen. Ich hielt mir die Stirn, sie brummte und ich sah in die schönsten, blauen Augen, die ich je gesehen habe. Er lächelte, entschuldigte sich und ich konnte nichts sagen, meine Stimme war verschwunden, ich krächzte irgendetwas. Sein lächeln, seine blauen Augen und die schöne leicht rauchige Stimme, ich war verzaubert. Schnell drehte ich mich um, bezahlte meinen Eintritt. Dabei fiel mir auf, dass sich zu meinen Münzen ein alter Knopf gesellt hatte, ich behielt ihn in der Hand. Immer noch betäubt von der Begegnung schupste mich Lisa Richtung Kinosaal. Wir nahmen unsere Plätze ein, ich schaute abwechselnd auf den Knopf und zum Eingang, würde er wohl gleich durch den wollenden Vorhang eintreten? Das schummrige Licht im Kinosaal liess mich aber nur die Umrisse von Menschen erkennen. Dann startete auch schon die Wochenschau und auch der Film fing an, meine Gedanken waren aber immer wieder bei meiner besonderen Begegnung. Ich drehte den Knopf in der Hand, schaute ihn immer wieder an, dann hielt ich ihn ganz fest, damit ich nicht verliere. War der Knopf von ihm? Hatte er ihn bei unserm Zusammenstoss verloren? Es war ein Jackenknopf, der Grösse und Form nach gehörte er zu einer Männerjacke. Ich stellte mir vor, dass der Knopf so nah an seinem Körper gewesen war, vielleicht in der Nähe seines Herzens. Mein Herz schlug, ich spürte ein eigenartiges Kribbeln im Bauch, irgendwie war mir schlecht und schwindelig. Hatte ich mich bei dem Zusammenstoss verletzt? Ich blickte auf die Leinwand und sah gerade einen innigen Kuss. Ich seufzte leise, wie würde er wohl küssen, wie wäre es seine Lippen auf meinen zu spüren? Ich fuhr mit meinen Fingern zart über meine Lippen, es war als würde er sie sanft berühren. Ich dachte an seine blauen Augen, hell und strahlend mit einem kleinen Leuchten, noch nie hatte ich solche Augen gesehen. Der Knopf in meiner Hand wurde leicht feucht, mein Körper angespannt, ich war aufgeregt und zitterte leicht. Zum Glück war es dunkel, so sah mich und meine Aufregung niemand. Ich machte die Augen zu, war mir doch egal was auf der Leinwand passierte. Ich wollte nur an diesem einen Moment denken, ich wollte nochmals seine Stimme hören. Mein Film spielte sich in meinem Kopf ab, ich hatte meine eigene, ganz persönliche Kinovorstellung, nur für mich und den Knopf in meiner Hand.

Am Ende der Vorstellung hielt ich Ausschau, aber ich konnte ihn nirgends entdecken. Lisa zog an meinem Kleid, sie wollte nach Hause. Ich konnte nicht gehen, ich musste doch warten, vielleicht würde er noch kommen. Als keiner mehr aus dem Kino kam und Lisa und ich alleine vor dem Kino standen, trottelnden wir nach Hause. Lisa war vom Film verzaubert und schwatzte und schwärmte für den Hauptdarsteller. Mein Hauptdarsteller war echt, ich hatte in seine blauen Augen gesehen, doch auch mir blieb nur ein Knopf.

Martha war verzaubert, Tränen standen in ihren Augen. Das war also das Geheimnis, der Schatz des blauen Kästchens. Sie nahm den Knopf, drehte ihn in ihrer Hand und träumte vor sich her.

 

Tüdelkram by Heigo

23.07.2016

Die Geschichte habe ich im Rahmen der vierten Clue Writing Challenge von Rahel und Sarah geschrieben

One thought on “Der Kinobesuch der alten Dame

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.